Günter Gloser MdB - Staatsminister für Europa

Im Gespräch mit dem Bösen Wolf

Das etwas andere Interview

Im September 2007 interviewte mich der Böse Wolf in Berlin. „Böser Wolf“, auf Französisch „le grand mechant loup“, nennt sich ein deutsch-französisches Schülerprojekt, das 2000 vom Französischen Gymnasium und der Europa-Schule Judith Kerr in Berlin gestartet wurde. Grundschülerinnen und -schüler arbeiten an unterschiedlichen Projekten, die sich mit europäischen Themen oder den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich beschäftigen, aber auch mit ihrem Alltag in Berlin, mit ihren Träumen und Wünschen. Daraus sind eine Internetpräsenz, eine Zeitschrift, Radiobeiträge und mehrere Interviews z. B. mit Politikern entstanden.

Der Böse Wolf im Internet: www.mechant-loup.schule.de

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Wollten Sie schon als Kind etwas mit Politik zu tun haben?

Ich kann es nicht so genau sagen, aber ich habe mich schon relativ früh, mit 8 oder 9, für Politik interessiert. Das richtige Engagement kam aber erst später.

Wann denn?

1969, ich ging noch in die 12. Klasse, da habe ich mich auch der Sozialdemokratischen Partei angeschlossen. Damals habe ich auch nicht gesagt, ich will Berufspolitiker werden. Das war weit weg.

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Hat man bei Ihnen zu Hause auch über Politik gesprochen oder war es kein Thema?

Doch, wir haben schon über Politik gesprochen. Es lag auch daran, dass mein Vater im Krieg vertrieben worden ist, aus dem Sudetenland, eine Region, die heute in Tschechien liegt. In Nürnberg waren noch überall die Zeugnisse des Krieges, Zerstörungen, die es natürlich auch woanders gegeben hat. Dann kam die Zeit, ich bin kein 68er, wo die Studenten auf die Straße gegangen sind, da haben wir schon über bestimmte Dinge diskutiert.

Was ist ein Europaminister?

Der Europaminister im Auswärtigen Amt widmet sich insbesondere dem Thema Europa. Europa heißt, Kontakte zu halten, nach Brüssel, zur Europäischen Kommission, zum Europäischen Parlament, aber auch zu vielen Ländern, die in der EU sind. Es sind nicht alle wie ihr wisst: die Schweiz z. B., Norwegen oder Länder des westlichen Balkans sind nicht dabei, und da halte ich auch Kontakte. Ich habe in Vertretung meines Ministers hauptsächlich diese Arbeit zu leisten.

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Finden Sie Ihre Arbeit stressig?

Ja, aber es ist kein negativer, sondern ein produktiver, ein fruchtbarer Stress. Ich glaube schon, dass die letzten Monate für meine Mitarbeiter und für mich durch die EU-Präsidentschaft doch sehr stressig waren. Ich merkte es erst, als ich im Sommer ein paar Tage Urlaub gemacht habe. Der Akku hätte doch ein bisschen mehr Zeit zum Aufladen gebraucht. Aber es ist eine interessante Tätigkeit, mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen zu kommen, viele Termine wahrzunehmen, Reden zu halten, zu diskutieren, für Europa auch zu werben, das überdeckt sozusagen den negativen Stress. Denn man ist oft weg von zu Hause, man muss viel reisen...

Haben Sie Zeit, sich im Café oder in der Sauna zu entspannen?

In die Sauna gehe ich nicht, aber es kommt schon hier in Berlin vor, dass ich zum Gendarmenmarkt gehe, um einen Kaffee zu trinken. Oder abends mache ich die Stereo-Anlage an und höre CDs oder lese ein Buch. Und im Sommer hole ich das Fahrrad aus dem Keller, und erkunde Berlin.

Sehen Sie Ihre Familie oft?

Nein. Ich bin verheiratet, wir haben zwei erwachsene Söhne. Meine Frau sehe ich meistens am Wochenende, wenn ich nach Nürnberg zurückkomme. Dort habe ich auch meinen Wahlkreis. Aber diese Arbeit ist schon mit viel Trennung verbunden.

Wie sieht Ihr wöchentlicher Stundenplan aus?

Wenn es, wie diese Woche, eine Sitzungswoche des Parlaments ist, dann reise ich am Sonntagabend schon an. Ich fange früh im Büro an. Meistens ist es um 8 Uhr und endet am Abend. Gestern ging es zum Beispiel bis viertel nach zehn aufgrund verschiedener Sitzungen. Heute wird bei euch mein letzter Termin sein. Morgen ist wieder bis 21 oder 22 Uhr abends. Am Donnerstag bin ich bis Mittag in Berlin, und dann fliege ich nach Genf, von dort nach Evian, zu einem Unternehmertreffen Deutschland - Frankreich, da bin ich bis zum Samstagmittag und komme gegen 18.30 in Nürnberg an. Und ich glaube, am Sonntag habe ich frei.

Welches Land der EU mögen Sie am meisten?

Eigentlich bin ich ein Mensch, der sich überall gern zurechtfindet. Ich habe natürlich sehr viel in den vergangenen Jahren Frankreich besucht und ich muss sagen, dass ich doch immer von den unterschiedlichen Landschaften in Frankreich beeindruckt bin. Wenn mir jemand sagte, Sie haben einen Wunsch frei, wo Sie Ihr Ferienhaus bauen können, da würde ich an erster Stelle sagen: Frankreich.

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Ist die deutsch-französische Freundschaft die engste Beziehung Europas oder sogar der Welt?

Ja, ich denke schon. Was viele Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg zustande gebracht haben, das ist nicht nur eine Beziehung zwischen Politikern. Da gibt es sehr viele Menschen in einer Stadt oder in einer Gemeinde in Deutschland, die mit einer Gemeinde in Frankreich eine Partnerschaft, also eine Städtepartnerschaft gegründet haben. Über 2400 dieser Städtepartnerschaften gibt es mittlerweile, und das gibt es in keinem anderen Land. Und da trifft sich nicht nur der Bürgermeister mit seinem Bürgermeister, sondern auch der Sportverein, Feuerwehr, Schulen und Chöre. Alles läuft natürlich unterschiedlich, aber eine solche vergleichbare Beziehung gibt es in keinem anderen Land.

Sie haben gesagt, Sie sind deutschfranzösischer Beauftragter, was ist das?

Der Beauftragte ist da, um ganz bestimmte Projekte herauszufinden: Was können diese beiden Länder auf welcher Ebene machen. Beispielsweise das deutsch-französische Geschichtsbuch oder die Zusammenarbeit in Regionen, in Baden-Württemberg und im Elsass. Oder die Frage, gibt es irgendwo ein Projekt, wo Frankreich und Deutschland dieselben Probleme haben, wie zum Beispiel bei der Frage der Integration von jungen Menschen, Leute die aus dem Ausland nach Deutschland gezogen sind oder nach  Frankreich. Es ist unsere Aufgabe, nicht alles allein zu machen, sondern auch den Impuls der Bundesregierung weiterzugeben und sagen, das können wir gemeinsam machen.

Sprechen Sie französisch?

Ich habe zwar in der Schule französisch gelernt, ich habe es leider ganz viele Jahre nicht praktiziert, jetzt wage ich schon wieder Französisch zu sprechen, beherrsche es aber nicht fließend. Andererseits stelle ich immer wieder fest, dass auch von den französischen Kollegen die wenigsten Deutsch sprechen. Und wenn wir allein ohne Dolmetscher im Auto sitzen, verfallen wir nach einiger Zeit ins Englische.

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Was ist das Komischste, was Ihnen bei der Arbeit passiert ist?

Ich bin einmal in Nürnberg in einen Omnibus eingestiegen und hatte nicht genug Kleingeld für die Fahrkarte dabei. Ich hatte natürlich Angst, wenn ich von dem Kontrolleur erwischt werde, dass er dann sagt: „Zeigen Sie mir Ihren Ausweis. Also, Sie, als Staatsminister, und schwarz fahren.“ Ich habe überall geguckt, ob ich da 2 € finde, ich hatte nur einen 100 € Schein, und da kam ein älterer Herr und sagte: „Herr Minister, fahren Sie mit mir mit.“ Das war mir peinlich, da ist ein Rentner und du bist ein gut bezahlter Europaminister. Er sagte, als Senior könne er ab 9 Uhr eine Person frei mitnehmen. „Herr Staatsminister, Sie sind auch Abgeordneter in meinem Wahlkreis, jetzt fahren Sie einfach mit.“ Es war eine schöne Geste.

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Das Peinlichste?

Aber nicht als Staatsminister. Bei meinem ersten Auslandsbesuch als Parlamentarier 1995 in Marokko − es war ein sehr dichtgedrängtes Programm, von einem Ministerium zum anderen, es war sehr heiß, dazu der Zeitunterschied. Vor dem Besuch in dem Ministerium diskutierte ich mit dem deutschen Botschafter über Wohnungspolitik. Dies meinte ich auch mit dem Minister erörtern zu müssen, bis es sich herausgestellt hat, dass er eigentlich für Umweltpolitik zuständig war. Ich habe mir gesagt, so was darf dir nicht mehr passieren. 

 

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