Günter Gloser MdB - Staatsminister für Europa

Reden
05. Dezember 2007
Echternacher Codex

Grußwort anlässlich des Besuches von S.E. Jean Asselborn, Außenminister des Großherzogtums Luxemburg, in der Ausstellung „Das goldene Evangelienbuch von Echternach“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg am 4. Dezember 2007 

Sehr geehrter Herr Außenminister Asselborn,
sehr geehrte Damen und Herren,

das goldene Evangelienbuch aus dem alten Kloster Echternach ist eine der schönsten und künstlerisch wertvollsten Gaben aus einem reichen kulturellen und spirituellen Erbe, das Luxemburg uns Europäern geschenkt hat.

Ich freue mich, dass Sie, lieber Jean Asselborn, die vorzügliche Präsentation dieses restaurierten Meisterwerkes mittelalterlicher Buchmalerei zum Anlass genommen haben, hier in Nürnberg zu Gast zu sein.

Das kleine Großherzogtum liegt nicht nur im Herzen Europas – das vereinte Europa liegt Luxemburg auch am Herzen! In Sachen Europa ist Luxemburg ganz groß.

Ich darf dies mit Nachdruck feststellen und mit großer Dankbarkeit. Die europapolitischen Initiativen und – wo es nötig war – auch die hervorragenden Vermittlungsbemühungen Luxemburgs im keineswegs immer einfachen europäischen Einigungsprozess verdienen nicht nur Respekt, sondern große Dankbarkeit.

Diese Dankbarkeit möchte ich in Ihrer Gegenwart, sehr geehrter Herr Außenminister Asselborn, gerne zum Ausdruck bringen!

Der herrliche Codex aus Echternach wird hier im Germanischen Nationalmuseum aufbewahrt und derzeit in einer vielbeachteten Ausstellung einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Attribut „germanisch“ klingt in den Ohren manches Zeitgenossen sehr martialisch. Man hört den harten Marschschritt von Soldatenstiefeln. Aber dieser Begriff, den wir auch im Wort „Germanistik“ wiederfinden, war von Hans von Aufsess, dem Begründer dieser großartigen kulturgeschichtlichen Sammlungen, schlicht auf den deutschsprachigen Kulturkreis bezogen. Dieser definierte vor der Reichsgründung noch nicht einen durch Staatsgrenzen eingegrenzten Bereich, trug aber gleichwohl den Impuls nationaler Einigungsbemühungen in sich.

Aber gewiss beabsichtigte dieses kulturelle Selbstbewusstsein und die romantische Verklärung des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ nicht jenen imperialistischen Hochmut der 1914 Truppen des Deutschen Reiches in Luxemburg einmarschieren ließ und schon gar nicht jenes menschenverachtende Regime, dessen Soldaten und SS-Schergen 1939 das Großherzogtum vergewaltigten und über dieses Land wie über ganz Europa unendliches Leid brachten.

Die Stadt der Reichsparteitage verdrängt diese dunkle Vergangenheit nicht, sondern zieht die Konsequenz daraus, als eine Stadt des Friedens und der Menschenrechte darauf hinzuarbeiten, dass dergleichen sich nie wiederholt. Hier vor diesem Museum bilden Daniel Karavans Säulen die Straße der Menschenrechte, für deren uneingeschränkten Erhalt und deren weltweite Geltung sich die Stadt Nürnberg einsetzt.

Hier in Nürnberg wird aber auch wie in keiner anderen deutschen Stadt die prägende Rolle deutlich, die das Haus Luxemburg in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation spielte.

Kein Herrscher ist in Nürnberg so gegenwärtig wie der luxemburgische Kaiser Karl IV., dem an der Empore der Frauenkirche jeden Mittag die sieben Kurfürsten die Ehre erweisen. Sein Sohn Wenzel wurde in der St. Sebalduskirche getauft. Zu den kostbarsten Schätzen dieses germanischen Nationalmuseums gehört das Portrait, das Albrecht Dürer von Kaiser Sigismund fertigte, ebenfalls einem Luxemburger.

Vielfältig sind die Beziehungen, die entlang der alten Handelsstraße von Luxemburg über Frankfurt und Nürnberg nach Prag führten, wo das Haus Luxemburg das Königreich Böhmen beherrschte.

Dieser Tradition ist sich auch das heutige luxemburgischen Großherzogshaus aus der Dynastie Nassau-Weilburg mit Stolz bewusst, und es war festlicher Anlass, an den wir uns gerne zurückerinnern, als Großherzog Jean 1978 die Ausstellung über Kaiser Karl IV. hier in Nürnberg besuchte.

Auch Ihr heutiger Besuch, sehr geehrter Herr Außenminister, wird uns in bester Erinnerung bleiben!


Zudem möchte ich hervorheben: Die guten, ja hervorragenden Beziehungen, die heute auch auf der politischen Ebene zwischen Luxemburg und der Bundesrepublik Deutschland bestehen, sind eine Ermutigung für uns alle und: Luxemburg weiß wie wir in Deutschland, dass die Europäische Union verstärkt Verantwortung in der Welt übernehmen muss. Dabei wissen wir, dass Drohung mit Krieg niemals ein Mittel der Verhandlungsführung sein kann und Friedenssicherung international immer den Vorrang haben muss.

Ein friedliches Miteinander auch im Inneren ist ein weiteres Markenzeichen Luxemburgs, dem wir gerne nacheifern wollen. Fast 40 Prozent der luxemburgischen Bevölkerung sind nicht in diesem Lande geboren. Was Integrationspolitik angeht ist Luxemburg auch für uns ein Vorbild.

Wer auf diese Art ein friedliches Zusammenwachsen der Menschheit fördert, wird auch vor einer der fantastischsten Darstellungen im Goldenen Evangeliar von Echternach nicht erschrecken müssen. Es ist die Seite, wo die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus in wunderbaren Farben fast wie in einem modernen „Comic-Strip“ plastisch wird. Der riesige grässliche Höllendrache, der da die armen Seelen verschlingt, muss keine Bedrohung der habgierigen und selbstbesessenen Menschen mehr sein!

Eine friedliche Welt, wie sie die Evangelien verkünden, wird in diesen vorweihnachtlichen Tagen gerade hier in Nürnberg immer wieder lebendig. Ich bedanke mich beim Germanischen Nationalmuseum für die Ausstellung des Goldenen Evangelienbuches von Echternach.

Ein Besuch auf dem weltberühmten Christkindlesmarkt gehört natürlich auch für den luxemburgischen Außenminister dazu! Ich danke Ihnen nochmals ganz herzlich für Ihren Besuch, der Sie hierher zum Goldenen Evangelienbuch geführt hat und wünsche Ihnen weiterhin einen schönen, frohen und erlebnisreichen Tag in Nürnberg! 

 

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