Reden
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| 23. August 2008 | Barcelona-Prozess: Union für das Mittelmeer. Neue Dynamik für Europas Zusammenarbeit mit Nordafrika und Nahost |
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Sehr geehrte Damen und Herren, 1. Mit den Schengener Verträgen sind die Grenzen zwischen den meisten Ländern der EU für den Personenverkehr geöffnet geworden. Die gemeinsamen EU-Außengrenzen haben hingegen an Bedeutung erheblich gewonnen. Ausgehend vom Schengenraum befinden wir uns hier gerade mal 14 Kilometer von der marokkanischen Grenze entfernt. So berühren uns auch illegale Migrantenströme nach Lampedusa oder auf die Kanarischen Inseln. Denn diese Menschen zieht es nach Europa insgesamt, somit auch zu uns nach Deutschland. Häufig ist es das Wohlstandsgefälle, dass diese Menschen aus ihrer angestammten Heimat treibt.
2. Neben den Migrationsbewegungen gibt es die Warenströme, die schon immer Grenzen leichter überwinden konnten. So wie wir in Europa den Gemeinsamen Markt geschaffen haben, muss dies weiterführend für den Mittelmeerraum gelten. Als EU können wir uns ein Inseldenken nicht leisten.
Als drittes und letztes Beispiel möchte ich auf das eingehen, was sich hinter der Überschrift Frieden und Stabilität verbirgt: Die EU hat sich seit ihren Anfangstagen als Friedensgemeinschaft verstanden. Aber sie bleibt von teils dramatischen Vorgängen in ihrer direkten Nachbarschaft nicht unberührt.
In der Europäischen Sicherheitsstrategie ist festgeschrieben: „Wir müssen darauf hinarbeiten, dass östlich der Europäischen Union und an den Mittelmeergrenzen ein Ring verantwortungsvoll regierter Staaten entsteht, mit denen wir enge, auf Zusammenarbeit gegründete Beziehungen pflegen können.“
Anschläge in Djerba und Istanbul sind uns genauso gegenwärtig wie in Madrid und London. Wenn man sich beispielsweise die schrecklichen Anschläge von Madrid in Erinnerung ruft, wird einem die Gefahr des Exports von regionaler Instabilität allzu deutlich. Diese Entwicklung gilt es mit vereinten Kräften gemein-schaftlich umzudrehen: Nicht dem Anwachsen von Instabilität zusehen, sondern Stabilität exportieren. Europa muss für Frieden und Stabilität in der Nachbarschaft sorgen und dabei ein aktiver, auch fordernder Partner sein. Dies liegt im ureigenen Interesse der EU. Dazu gehört, den Rechtsstaat zu fördern und auf die Achtung der Menschenrechte zu pochen. „Auf gleicher Augenhöhe“ mit unseren Mittelmeerpartnern zusammen-zu-arbeiten, kann in keiner Weise heißen, diese Werte beiseite zu lassen oder gar, sie zu negieren. Das sind auch die Signale, die ich den langen Jahren als Vorsitzender der Deutsch-Maghrebinischen Parlamentarie-gruppe des Bundestages und in meiner jetzigen Funktion immer wieder von Vertretern der Zivilgesellschaften dieser Länder empfangen habe. Bei den Stichwörtern Frieden und Stabilität müssen wir dem Nahen Osten besondere Bedeutung beimessen. Es ist nicht zu leugnen, dass der israelisch-arabische Konflikt für den Barcelona-Prozeß seit dessen Gründung 1995 eine Herausforderung war. Es ist dem Barcelona-Prozeß zu verdanken, dass gerade in besonders schwierigen Zeiten dessen Gesprächskanäle offen blieben. Alleine die Existenz dieser Plattform war schon ein Stabilitätsfaktor. Aber wir haben den Ehrgeiz, hier vereint weiterzukommen. Die unmittelbaren Verhandlungen, sei es auf dem israelisch-palästinensischen Strang oder dem angelaufenen israelisch-syrischen Strang obliegen den Parteien. Aber wir können als Europäer, auch als euromediterrane Gemeinschaft noch mehr dafür tun, stabilisierende Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir müssen immer wieder aufs Neue sehen, wo wir uns als Europäer, aber auch bilateral als Deutsche nach Kräften praktisch einsetzen können. So hat Deutschland im Sommer 2006 erstmals Soldaten in die Region entsandt und die Führung der maritimen Kräfte der UNIFIL-Mission übernommen. Dies ist ein – übrigens auch von Israel ausdrücklich gewünschter - Beitrag zur Stabilisierung des Libanon und Umsetzung der Sicherheitsratsresolution 1701. Politisches Engagement tritt hinzu: die deutsche Außenpolitik arbeitet bei der Umsetzung des Doha-Abkommens und an der Verbesserungen der regionalen Stabilität mit. Auch im israelisch-palästinensischen Kernkonflikt haben sich Deutschland und die EU zu überaus belastbaren und geschätzten Akteuren entwickelt. Der deutsche Ansatz, durch aktives und pragmatisches Handeln zur Stabi-lisierung des Friedensprozesses beizutragen, hat sich bewährt und inspiriert auch andere. Jüngstes Beispiel ist die vor 2 Wochen, am 24. Juni in Berlin abgehaltene PALSEC-Konferenz. Dort haben die Außenminister der EU, Israels und der USA für Palästina konkrete Maßnahmen zum Aufbau eines funktionierenden Polizei- und Justizwesens beschlossen. Der Nukleus der EU-Polizeimission EUPOL-COPPS wird so auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Der palästinensische Premierminister Fayyad wusste diese deutsche Initiative zu schätzen, da ihm die zügige Durchsetzbarkeit von Recht und Gesetz in Palästina ein Stabilitätsmomentum verschaffen kann, das sowohl innenpolitisch wie auch im Verhältnis zu den Sicherheitsbedürfnissen Israels oder auch internationaler Investoren positiv wirken kann.
Das sind sehr konkrete Schritte, die wir bilateral oder im EU-Rahmen unternommen haben. Für die neue Union für das Mittelmeer kann daher auch nur eine strategische Vision hinsichtlich des Nahostkonfliktes gelten: die Schaffung eines politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwerts, der den Abschluss einer dauerhaften Friedenslösung allen einmal mehr als ein dringendes Muss vor Augen führt. Wenn wir Stabilitätsgewinne erzielen wollen, setzt dies natürlich eine Teilhabe der Zivilgesellschaften am Wirtschaftswachstum in den jeweiligen Ländern voraus. Deshalb ermuntern wir beispielsweise die großen Export-nationen für fossile Energieträger zur Reinvestition ihrer Erlöse in die Reform und die Diversifizierung ihrer Wirtschaftsstrukturen oder aber auch in breite Infrastruktur- oder Wohnungsbauprojekte, die der Bevölkerung zugute kommen. Für die Energiezusammenarbeit sehe ich ein großes Potential für die euromediterane Kooperation. Dabei habe ich nicht nur Erdöl und Erdgas als Energieträger im Blick. Der konsequente Ausbau der Solarenergie in dieser Region kann zu einer ernsthaften und bedeutenden Alternative zu herkömmlichen Energieträgern werden – zum Nutzen aller. Deutsche Firmen haben hier Technologien entwickelt, die in der Region auf großes Interesse stoßen. Technologisch stehen wir mittelfristig vor der Verwirklichung von Stromverbindungen zwischen Nordafrika und Südeuropa, mit deren Hilfe Elektrizität transportiert werden könnte. Hiervon sollen beide Seiten profitieren: Die südlichen Mittelmeeranrainer könnten ihre Öl- und Gasexporte reduzieren und stattdessen – neben der Erfüllung eigener Klimaziele – Strom nach Europa verkaufen und für den heimischen und regionalen Markt einspeisen. Die EU hingegen kann ihre Technologien exportieren und saubere, nachhaltige Energie aus den nord-afrikanischen Ländern importieren. Auch hier ist es offensichtlich, dass solche Projekte eine europäische Dimension haben müssen, kein nationaler Akteur könnte derartige Anstrengungen alleine schultern. Deutschland möchte sich auch hier an der Seite seiner Partner engagieren. Wir haben gerade unsere Ideen für ein solches Solarprojekt im Rahmen des „Barcelona-Prozesses: Union für das Mittelmeer“ in Brüssel eingebracht, das als deutsch-französisches Unterfangen mit allen interessierten Parteien vorangetrieben wird. Wenn Sie sich die ersten großen Solaranlagen in Spanien vor Augen halten, werden Sie ermessen können, welche Ausmaße dies beispielsweise in den unwirtlichen Weiten der algerischen Sahara annehmen kann.
Als dritten Block möchte ich kurz auf Klima- und Umweltfragen, insbesondere aber zur Wasserpolitik, zu sprechen kommen: Die wegweisenden Klima- und Energiebeschlüsse mit festen, verbindlichen Reduktionszielen des Europäischen Rats unter deutscher Präsidentschaft im Frühjahr 2007 haben ermöglicht, sich beim kurz darauf folgenden G8-Gipfel darauf zu verständigen, dass eine Folgevereinbarung zum Kyoto-Protokoll unter dem Dach der Vereinten Nationen anzustreben ist. Weiterhin kommt auf uns der Schutz und die Wasserqualitätsverbesserung unseres gemeinsamen Mittelmeeres zu, den wir gemeinsam neu angehen wollen. Ein neues gemeinsames Bewusstsein um den Wert der uns umgebenden natürlichen Ressourcen ist rund um das Mittelmeer im Entstehen begriffen. Das Thema Wasser ist mit den Aspekten Grundwasserschutz, effizienter Nutzung, Abwasserbehandlung umfassend und weitreichend. Es ist ein Thema, das wir sehr zielstrebig in praktische Arbeit umsetzen möchten. Deutschland ist hier in hohem Maße bei vielen Partnern bilateral involviert, nun bietet sich die Chance einer effizienten Bündelung. Wasser kommt für uns aus dem Hahn, in vielen Partnerländern und –Regionen, so am Mittelmeer, ist es ein Politikum. Wir wollen uns dies zu eigen machen. Ich sprach von einem neuen, gemeinsamen Bewußtsein. In der Tat basiert das neue Konstrukt der Union für das Mittelmeer als Neustart des Barcelona-Prozesses auf einem fundamentalem Prinzip, der sogenannten „co-ownership“. Wir wollen ein neues Kapitel aufschlagen mit einem Ko-Vorsitz in den Gremien. Diese gemeinsame Herangehensweise soll klarmachen, daß es uns beim Mittelmeer darum geht, gemeinsam nachzudenken, gemeinsam zu entscheiden und gemeinsam zu handeln. Damit sind aber auch die Süd-Partner gefordert, es liegt auch in ihrer Verantwortung, dass dieses neue Kapitel geschrieben wird, in dem das Mittelmeer zu einem Binnenmeer wird, das endlich verbindet, statt zu trennen.
Zuguterletzt will ich eines klarstellen: Keiner von uns begibt sich mit blindem Optimismus und naiver Selbstüberschätzung auf diesen neuen Weg. Die Probleme und Divergenzen in so manchen Fragen waren beim alten Barcelona-Prozeß manifest, es wird auch in der neuen Form Diskussionen geben. Dabei freuen wir uns über jede Begleitung. Ich sage dies auch bewußt an das IMES gerichtet, denn Hamburg liegt zwar nicht am Mittelmeer, ist aber Tor zur Welt und sollte an diesem neuen Schwung teilhaben. Nicht nur für heute Nachmittag sehen das Auswärtige Amt und ich Ihren wichtigen Beiträgen zu unserer euromediterranen Arbeit sehr entgegen.
Vielen Dank. |
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