Günter Gloser MdB - Staatsminister für Europa

Buchtipps
24. September 2010
Aktuelle Lesetipps

Was haben ‚Schuld‘ von Ferdinand von Schirach, das Buch von Kerstin Heisig ‚Das Ende der Geduld‘ und Thilo Sarrazins ‚Deutschland schafft sich ab‘ gemeinsam? Abgesehen davon, dass die Autoren aus Berlin kommen und ihre Titel auf den vorderen Plätzen der Bestsellerliste standen bzw. stehen, wobei der letzt genannte Autor dank der medialen Verstärkung natürlich für die größte Aufregung sorgt, sagen alle drei etwas über den Zustand unserer Gesellschaft aus.

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Wie wichtig wäre es, zu Sarrazins Thesen jetzt den Kommentar von Kerstin Heisig zu hören, deren Stimme Ende Juni verstummt ist. Durch ihr 205 Seiten umfassendes Buch lebt sie weiter und beschreibt darin die Missstände, aber auch Lichtblicke und Fortschritte bei der Strafverfolgung von jugendlichen Gewalttätern. Kerstin Heisig spricht die Versäumnisse klar an und unterbreitet Vorschläge zur Abhilfe. Dabei klammert sie die Bringschuld vieler Migranten nicht aus (Erlernen der deutschen Sprache, Bildungs- und Ausbildungsbereitschaft, Integrationswillen), andererseits listet sie eine Reihe von politischen und bürokratischen Defiziten in der Schule, Verwaltung, Polizei und Justiz auf. Noch einmal: Kerstin Heisigs Einmischung wäre jetzt bitter notwendig, weil sie ausspricht, was und wie die Situation ist und keinen Tabubruch begehen wollte, nur um des Tabubruchs willen. Am Schluss ihres Buches dankt sie den Menschen, die sie in ihrer Arbeit und in ihrem Willen zu positiven Veränderungen unterstützt haben; darunter auch einer Reihe von Menschen mit Migrationshintergrund. „All diese Menschen helfen mir, den Zugang zu den türkischen und arabischen Mitbürgern zu finden. Und sie treten mir – im Gegensatz zu vielen Deutschen – vorurteilsfrei gegenüber“, soweit Kerstin Heisig.

Thilo Sarrazins Buch - fast hätte ich’s den ‚Untergang des Abendlandes‘ genannt – habe ich noch nicht gelesen, kenne aber seine zahlreichen Interviews sowie viele Presseberichte darüber. Um mir nicht den Vorwurf zuzuziehen etwas zu kritisieren, was ich noch nicht gelesen habe, folgt meine Bewertung später. Nur soviel sei dazu gesagt: sein Interview in der ZEIT vom 28. August ist ein ‚Offenbarungseid‘.

Nein, Ferdinand von Schirachs letztes Buch steht in keinem so engen Zusammenhang wie die beiden zuerst genannten. Wer ‚Verbrechen‘ - sein erstes Buch - gelesen hat, wird sich auch bei der Lektüre von ‚Schuld‘ ganz schnell wieder in seinen charakteristischen Erzählstil einlesen. Knapp, schnörkellos, kühl und präzise werden diese Geschichten erzählt und durch die knappen Sätze entwickelt sich eine rasante Lesegeschwindigkeit. Aber zurück bleibt auch ein gewisses Gefühl der Kälte. Und gelegentlich frage ich mich, wo bleibt die Strafe oder gar die Sühne in den geschilderten Fällen. Mein Resümee dennoch: empfehlenswert!

Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld - Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. 205 Seiten, kartoniert € 14,95

Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. 461 Seiten, gebunden € 22,99

Ferdinand von Schirach, Schuld - Stories. 208 Seiten, gebunden € 17,95

 

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